Sonntag, 19. Mai 2013

Die Testo-Kur für deutschen HipHop

Boss und Banger: Mit ihrem Kollaborationsalbum "JBG 2" brechen Kollegah und Farid Bang Verkaufsrekorde. Und katapultieren Gangsterrap wieder in den Mainstream. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?
Am Ende ist alles nur eine Frage des Bizeps. Kollegah, der selbsternannte Boss, sitzt in einem angemieteten Büroraum Nahe der Düsseldorfer Königsallee und erklärt einem Filmteam, warum sein aktuelles Album klingt wie es klingt.
Das Erfolgsgeheimnis: Erst ab einem bestimmten Oberarmumfang sei die gewünschte Maskulinität auch auf der Tonspur wahrnehmbar. Entsprechend waren die monatelangen Vorbereitung mehr vom Fitness- als vom Aufnahmestudio geprägt. "Der Rest ist Mütterf***", ergänzt Farid Bang das Konzept eines Werkes, das derzeit neue Maßstäbe setzt.


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Kollegah und Farid Bang sind ein Phänomen. Kein deutsches Rap-Duo ist derzeit erfolgreicher, niemand verkörpert so stark den Paradigmenwechsel in der hiesigen HipHop-Szene. In der ersten Verkaufswoche brachen sie mit ihrem Kollaborationsalbum "Jung, brutal, gutaussehend 2" sämtliche Deutschrap-Rekorde. Sie setzten mehr Einheiten als Cro, Casper und Bushido ab, sie verdrängten Heinovon Platz 1 der Charts und erreichten mit dem Werk mittlerweile Goldstatus.
Zum ersten Mal nach der Aggro-Berlin-Ära ist Gangsterrap wieder im gesellschaftlichen Mainstream angekommen. Und doch ist alles anders, als noch vor einigen Jahren. Das Album ist die Verbalisierung eines ziemlich guten, aber eben auch ziemlich brutalen Actionfilms mit zwei Protagonisten, die ihre Selbststilisierung als Boss und Banger im öffentlichen Auftreten perfektioniert haben.

Übermenschen-Dasein wie ein Regenschirm

Farids Beiname leitet sich von seinem postulierten Hang zu exzessivem Geschlechtsverkehr mit alleinerziehenden Müttern (oder auch Groupies) ab, der von Kollegah schlichter von seiner hierarchischen Selbsteinschätzung ("Während ihr zähneknirschend resigniert, führe ich ein Übermenschen-Dasein wie ein Regenschirm").
So wurden - um dem Klischee gerecht zu werden - auf dem mittlerweile indizierten Vorgängeralbum "JBG", im Tandem insgesamt 48 Mal die Szene, 40 undefinierte Mütter und knapp 20 Freundinnen, kleine Schwestern und Töchter gef***. Eine davon lyrisch entjungfert durch einen doppelten Salto.
Auch der Nachfolger steht dem in Sachen Härte nichts nach. Und dennoch - das Potenzial mittels eines empörungsfreudigen Hashtag-Sturms so etwas wie einen vermeintlichen #Aufschrei zu evozieren, hat die Platte nicht. Das moralisierende Moment, das noch zu Aggro-Berlin-Zeiten angeführt wurde, greift heute nicht mehr.

Ein Stück moderne Straßenpoesie

Dafür ist die Musik zu durchdacht, zu selbstironisch. Während sich die Berliner Härte gerade durch ihren kompletten Mangel an Ironie auszeichnet, brechen Kollegah und Farid Bang mit gängigen Gangsterrap-Klischees in dem sie diese soweit überspitzen, dass sich die Frage nach der fatalistischen Vorbildfunktion gar nicht mehr stellt.
Kollegah etwa spielt mit Wortbedeutungen und stilisiert seine Vergleiche zu vielfach bedeutungsschwangeren Mitdenkstücken. "Heut' fragt Kool Savas nach Features, nur um sagen zu können, dass er die Nummer Eins kennt - wie Supermarktkassierer."
Das ist intelligenter Gangsterrap mit doppeltem Boden: "Du Stricher meinst dass du tödlich rappst kickst mutig paar Lines / Doch die sind für den König schlecht wie Poolbillardkreide". In Germanistik-Seminaren werden mittlerweile Arbeiten über seine Punchlines verfasst. "JBG2" erscheint nicht mehr als stupides Attitüde-Album, sondern als ein Stück moderner Straßenpoesie, die bei aller Härte immer dem höchsten Wert der vielschichtigen Unterhaltung unterworfen ist.

"Das ist die neue Zeit"

Und dennoch: Der Erfolg lebt auch von dem kongenialen Zusammenspiel seiner Protagonisten. Kollegah, 28 Jahre alt, geboren als Felix Antoine Blume studiert Jura in Mainz. Farid Bang, 26, marrokanische Abstammung, schlug sich nach seinem Hauptschulabschluss mit Gelegenheitsjobs und Rapmusik durch. Während freudige Feuilletonisten Kollegah mittlerweile als durchdachtes Kunstprodukt anerkennen, sichert ihm Farid Bang die im authentizitätshungrigen HipHop so wichtige Straßenkredibilität.
Was beide darüber hinaus eint, ist ihr Drang, sich an der restlichen Rapszene abzuarbeiten. Gerade die ehemaligen Protagonisten von Aggro Berlin, die Anfang des neuen Jahrhunderts Gangsterrap erst charttauglich gemacht haben, bleiben eine beliebte Zielscheibe. "Das ist die neue Zeit", verkündete Kollegah. Und die definiert sich auch über eine neue Form von Marketingkonzepten. Hinter dem Erfolg von Kollegah und Farid Bang steht Selfmade Records, ein kleines Independent-Label, das früh die Zeichen einer sich wandelnden Zeitrechnung erkannt hat.
In einer Zeit, in der die Vorherrschaft des klassischen Musikfernsehens gebrochen ist und neue Distributionswege gefragt sind, ist eine Anbindung an Zeitgeistströmungen gefragt, auf die viele Majorlabels nicht mehr schnell genug reagieren können. Lange bevor "JBG2" in den Läden stand, konnte man Boss und Banger bei ihren Vorbereitungen für das Album in Videoblogs belgeiten

KOLLEGAH UND FARID BANG 'Rapper, die Gangster spielen'


Mit ihren Steroid-Texten haben es Kollegah und Farid Bang geschafft, Heino vom ersten Platz der Charts zu stoßen. Im Kölner E-Werk stiefeln sie breitbeinig auf die Bühne, standesgemäß ausgestattet mit Sonnenbrillen, Goldkettchen und Lederjacke

Die Inszenierung sitzt von der ersten Sekunde an. Ein Video ruft dem Publikum noch einmal in Erinnerung, wer hier gleich die Bühne betritt: Zwei Testosteron-Bullen, die schnelle Autos fahren, mit Drogen handeln, schwere Waffen tragen und denen es beim Rap vor allem darum geht, Sex mit möglichst vielen Müttern zu haben. Dann stiefeln Kollegah und Farid Bang breitbeinig auf die Bühne, standesgemäß ausgestattet mit Sonnenbrillen, Goldkettchen und Lederjacke. Die Klischees des Gangsta-Rap, auf die Spitze getrieben in wenigen Minuten.
Mit ihren Steroid-Texten haben es Kollegah und Farid Bang geschafft, Schlagerstar Heino im Februar vom ersten Platz der Charts zu stoßen. Ihr Album "Jung, Brutal, Gutaussehend 2" holte in kürzester Zeit Gold. Es ist die Auferstehung des totgeglaubten Gangsta-Rap, der spätestens mit Aggro Berlin zu Grabe getragen worden war. Dabei geht es zuerst um Entertainment - schneller, härter, brutaler. Authentizität wird darüber zur Nebensache. Wie bei einem Splatterfilm, der mit Sex, Drogen und Gewalt bis zur letzten Minute unterhält, schlagen Kollegah und Farid Bang das Publikum in ihren Bann.


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Ob "Dynamit", "Adrenalin", "Titan", "Kriminell und breit gebaut", "Friss oder stirb" oder "Bossmodus" - natürlich geht es auch beim Kölner Konzert ausschließlich um Bitches, Muskeln und das Gefühl absoluter Überlegenheit. Wer nervt, dem wird wahlweise mit dem Totschläger, dem Großkaliber oder - favorisiert - ihrem "Genital aus Stahl" gedroht. Gewaltfantasien, die dem 2009 erschienenen Album "Jung, Brutal, Gutaussehend 1" eine Indizierung einbrachten: für Minderjährige nicht geeignet.
Zur Beruhigung der Erziehungsberechtigten: Die potenziellen Plattenkäufer im Kölner E-Werk wirken absolut harmlos. Indie-Matten-, Karo-Hemd- und Zahnspangen-Träger, sogar ein paar Frauen sind gekommen. Kollegah und Farid Bang werden es nicht gerne hören, aber ihr Publikum könnte auch das der Ärzte oder der Sportfreunde Stiller sein.

Stiernackenkommando

Dass hier wohldurchdachte Kunstfiguren das "Stiernackenkommando" spielen, verrät schon, dass die beiden drei Outfitwechsel (Rihanna lässt grüßen) und sechs eingespielte Videos nötig haben, um sich halbwegs glaubwürdig als Brutalos zu inszenieren.
Doch auch ein Blick auf Kollegahs Lebenslauf lässt tief blicken: Der 28-jährige Felix Blume studiert im wahren Leben nämlich Jura in Mainz und würde, sollte er seine besungenen Gewalttaten tatsächlich begehen, nie praktizieren dürfen. Hier kommt also zusammen, was zusammenpasst: Rapper, die Gangster spielen, und ein Publikum, dem die Inszenierung von Gewalt viel lieber ist als tatsächliche Grausamkeiten.

Testosteron-Spektakel

Um den Eltern Herzrhythmusstörungen zu verpassen, reichen die verbalen Entgleisungen der beiden Proll-Rapper ja auch vollkommen aus.
"Die Ironie ist klar spürbar", findet die 25-jährige Aylin. Sie genießt das Testosteron-Spektakel ganz allein. Durch halb Deutschland ist die Mönchengladbacherin Kollegah schon zu seinen Konzerten nachgereist.
Warum sie Fan ist? "Er sieht verdammt gut aus", sagt sie und lacht. "Und das reicht doch schon!" Schön, dass wenigstens auch Kollegah nicht vor Sexismus gefeit ist.
Quelle:http://www.ksta.de

“Du Hundesohn” – Fler’s direkte Nachricht an Farid Bang



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